RV Rheinsberg

Rückblick auf eine fast 40-jährigen Vereinsmitgliedschaft aus Sicht eines Ruderers und Übungsleiters

Rudern in Rheinsberg - 1971 bis 2010

Schulsportgemeinschaft Dynamo Rheinsberg > Ruderverein Rheinsberg 1910 e.V.

Jörg PahlMein Interesse am Rudern begann im Spätsommer 1970, als ich als 10-Jähriger einige Ruderboote auf dem Weg in die Badeanstalt über den Grienericksee gleiten sah. Mit dem Eintreffen meiner Freunde in der stets bewachten Badeanstalt und dem Badevergnügen war dieser Gedanke zunächst nur von kurzer Dauer. Im folgenden Frühling erinnerte ich mich jedoch wieder an die leise vorübergleitenden Boote, überzeugte schnell ein paar Kumpels und im zeitigen Frühling 1971 gingen wir erstmalig zum Vereinsgelände des Rudervereins. Nachdem wir uns den Weg durch die Baumstämme, Lorenwagen und Brennnesseln gebahnt hatten, standen wir vor einem großen Gebäude mit einem Doppeltor (ehemaliges Sägewerk). Die wenigen Boote lagerten hier in einem abgetrennten Teil des alten Gattergebäudes. ZumUmkleiden gab es hinter den Booten eine kleine Ecke, mit zwei oder drei Schränken für unsere Sachen. An Toiletten oder gar Duschen war überhaupt nicht zu denken. Trotzdem erlernten wir unter Federführung von Eberhard Nusch, Eberhard Tuchen und Franz Kunow das ABC des Ruderns. Bereits im Herbst dieses Jahres starteten wir in Alt Ruppin und Flecken Zechlin im Gigdoppelvierer und erhielten voller Stolz unsere ersten Siegerurkunden. In den folgenden Jahren halfen wir als kleine Piefkes beim Ausbau der Bootshalle unter den Räumlichkeiten des VEB Erholungswesens und der Schaffung separater Umkleidemöglichkeiten. (Räume unter dem späteren Clubraum) Trotzdem wurde noch viel gerudert und sogar eine Wanderfahrt mit uns Schülern durchgeführt. Im Jahr 1972/73 fühlten wir uns bereits im Rennboot sicher und besuchten zahlreiche Regattaplätze u.a. Rathenow, Kyritz, Werder, Potsdam . Als Vorbilder im Verein kann ich mich sehr gut an Klaus Pierau, Burkhard Börner und Jörg Quasnitzka erinnern.

In diesem Zeitraum trat der rüstige Rentner Robert Köpernick dem Ruderverein bei. Voller Tatendrang gelang es ihm, uns zahlreiche handwerkliche Fertigkeiten zu vermitteln, uns bewusst ins Rudergeschehen mit einzubeziehen und fest an die Sportgemeinschaft zu binden. Ohne es zu merken waren wir zu den „Großen“ im Verein aufgestiegen und für zahlreiche jüngere Schüler die Vorbilder. Wir (Helmut Möller, Axel Maelz, Jörg Möller, Andreas Tuchen, Ute Binder (Steffen), Heike Ertel (Quasnitzka), Norbert Arndt, Gerd Auricht, Frank Roscher, Siegward Appelt, Jens Schumacher, Uwe Kiehn) konnten in den Jahren 1974 bis 77 etliche Erfolge auf den verschiedensten Regatten errudern. Kurze Zeit später rückten weitere erfolgreiche Sportler, wie Detlef Binder, Frank Jensch und viele andere nach.

Mit Beginn meiner Ausbildung im Kernkraftwerk Greifswald (später in Rheinsberg) rückt das Rudergeschehen nur für kurze Zeit ein wenig ins Abseits, bevor ich als Übungsleiter versuchte, das Zepter zu schwingen. Ich merkte schnell, dass man sehr viel Zeit und Energie in diese Aufgabe investieren muss, um erfolgreich zu sein. Die Ergebnisse in den folgenden Jahren bestärken mich und ich stellte mich ständig den neuen Herausforderungen und Aufgaben des Sportes. So konnten Detlef Binder, Frank Jentsch und Stm. Björn Ferdinand als DDR – Meister im R2m gekürt werden. Zahlreiche weitere gute Platzierungen wurden in den Jahren 1978 bis 1980 auch von Frank Krämer, Jürgen Bröcker, Frank Roscher und Lutz Herzog errudert.

Um 1980 ging es dann an den Erweiterungsbau mit größeren Umkleideräumen und ersten Duschen. Weiterhin konnten wir voller Stolz auf unseren ersten LKW mit Aufbau (S 4000) verweisen, welcher über die Jahre hilfreiche Dienste auf den zahlreichen Wegen zu den Wettkämpfen und unserer ersten Tschechientour (Gemeinschaftswanderfahrt Neuruppin, Flecken Zechlin, Rheinsberg) leistete. Trotz der fast jährlichen Um- und Ausbauarbeiten (Kraftraum, Übernachtungsquartiere) wurde das Rudern nie vergessen und es entwickelten sich aus den Schülergruppen stets erfolgreiche Mannschaften und Einzelsportler. Ich konnte mich als Übungsleiter in den Jahren 1980 bis 1985 mit den Aktiven über die guten Platzierungen von Petra Müller (Witt), Britta Heintz, Volker Haack, Lars Lexow, Michael Schnell, Karsten Heintz, Lars- Uwe Rau, Kathrin Lüpke und nicht zuletzt von Jens Burow als zweimaliger DDR Meister (später in Ratzeburg Vizeweltmeister im Doppelvierer) freuen. Der Ausbildung und Nachwuchsgewinnung wurde großes Augenmerk geschenkt, so dass stets die Vorbildwirkung der älteren Sportler gegeben war. Aber nicht nur der Regattasport fand bei den Aktiven Anklang, es wurden auch jährlich Wanderfahrten, Feierlichkeiten und Winterlager (Bleicherode, später Wernigerode) organisiert. Unsere Wandertouren führten zu den unterschiedlichsten Zielen im Inund Ausland (Schwerin, Lychen, Havelursprung, Templin, Spreewald, zweite Tschechientour) Ein LKW W50 mit unserem berüchtigten „Hühnerstall“ stand nun dem Verein zur Verfügung und ermöglichte weitere große Touren. In diesen und in den Folgejahren gelang es stets, erfolgreiche Mannschaften zu formieren, welche unsere Stadt bei den verschiedensten Wettkämpfen präsentierten.

Tatkräftige Unterstützung wurde mir in den vielen Jahren von Eberhard Nusch, Gerhard Schmidt und Detlef Binder zuteil, ohne deren und dem Mitwirken vieler ungenannter Personen diese Aktivitäten nie möglich gewesen wären. In den Folgejahren sind die Erfolge von Matthias Schulz, Guido Haack, Sten Socher, Matthias Schmidt, Normen Godzinski, Heiko Schwibbe, Lars Müther, Frank Oertel, Ute Baudis, (als Potsdamerin Junioenweltmeisterin im Achter), Jana Schröder (Willomitzer), Diana Müther (Dombrowski), Birgit Stukenbrock (Scharf) und Sabine Zinser in guter Erinnerung. Mit ihnen, sowie weiteren Sportlern, starteten wir unsere dritte Wanderfahrt nach Tschechien, mit der bei allen Teilnehmern in Erinnerung gebliebenen Übernachtung im anrüchigen aber warmen Klärwerk in der Nähe von Prag.

Mit dem Jahr 1990 ändert sich zunächst wenig an den sportlichen Geschehnissen im Verein. Unsere Befugnisse gingen in Richtung Eigenständigkeit, Selbstverwaltung und Namensänderung. Eberhard Nusch wird zum ersten Vorsitzenden des Rudervereins 1910 e.V. gewählt. Unseren LKW tauschten wir gegen den roten B1000 ein, (Sonntagsfahrverbot) welcher über etliche Jahre gute Dienste leistete. Die Vereinspartnerschaft zum Ruderverein in Lüdinghausen wurde aufgebaut und es fand erstmalig der 1000 km – Fernwettkampf statt. Als erste Landesmeister im vereinten Deutschland sind mir hier Karsten Lange und Erik Frach in Erinnerung, denen es im Doppelzweier (Junioren) unter lautstarker Unterstützung des gesamten Sattelplatzes gelang, die Potsdamer Rudergesellschaft auf Platz 2 zu verweisen. Auf den neuen Regattaplätzen (Lübeck, Hamburg, Bad Seegeberg) können sie mit Sven Graczyk, Christan Lorenz und Jana Hildebrand etliche Siege verzeichnen. Kurze Zeit später setzten Dirk Binder und Jörn Müther die Erfolgsserie für unseren Verein fort. Zeitgleich fanden sich einige Seniorenmannschaften aus ehemaligen Aktiven zusammen, die sich in Gigbooten in Bergedorf, Frankfurt und beim Staffelrudern in Hamburg den Herausforderungen der Langstrecke mit Bravur stellten.

Schließlich zeichnete sich eine räumliche Veränderung des Vereins ab. Unser ehemaliges Vereinsgelände wird von den Erben des Sägewerkes an die Fürst- Donnersmark-Stiftung verkauft. Wir standen plötzlich vor der Herausforderung, ein neues Bootshaus errichten zu müssen. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Eberhard Nusch, Horst Lipowski, Werner Pahl, Heiko Schwibbe (Planung, Baubegleitung) und fast aller Mitglieder wird diese Aufgabe in den Jahren 1998 bis 1999 erfolgreich gemeistert. Das Rudern geriet bei dieser gewaltigen Herausforderung natürlich ins Hintertreffen, da die Mitglieder mit anderen Aufgaben betraut waren. Mit der Einweihung im April 1999 wurde zeitgleich nach neuen Mitgliedern geworben und es arrangierten sich weitere Mitstreiter (Britta Heintz, Kathrin Lüpke, Matthias Schmidt) bei der Ausbildung sowie im Trainingsbetrieb. Eberhard Nusch erfüllte sich den lang ersehnten Wunsch, eine Seniorengruppe aufzubauen und mit Leben zu erfüllen. Schnell waren neue Höhepunkte (Tag der offenen Tür, Sommersondenwende, Wanderfahrten, Langstreckenregatta Rheinsberg > Flecken Zechlin) gefunden, das Miteinander der Generationen gegeben und der Sportbetrieb konnte neu belebt werden. Erstmalig begannen wir ohne die Vorbildwirkung der älteren Sportler mit zunächst einer kleinen Gruppe von Schülern den Sportbetrieb neu zu organisieren. (Wanderfahrten, interne Regatten, Wettkämpfe mit benachbarten Vereinen usw.) Die Erfolge der wenigen Aktiven (Anne Recke, Sarah Wangler, Paul Möller, Karsten Koch, Lena Eckelmann, Katharina Pahl) beflügelten schnell weitere junge Sportler (Jan Heintz, Robert Schenk, Annette Binder, Sarah Kiehn, Sebastian Bartel, Robert Plötz, Tino Müller, Alexander Kroschel, Sabine Recke, Karolin Heintz, Stefanie Pahl) sich den sportlichen Herausforderungen erfolgreich zu stellen. (Landesmeisterschaften, Bundesentscheid der Kinder, überregionale Regatten, usw.) Das Schulrudern (Doppelvierermannschaften der Sportgymnasien) wurde auf Landes- und Bundesausscheiden über mehrere Jahre erfolgreich praktiziert. Die zahlreichen Siege und Platzierungen ermutigten jedoch auch diese Sportler, sich gemeinsam mit den Senioren an Breitensportveranstaltungen zu beteiligen. (Wanderfahrten, Dove-Elbe-Rallye, Staffelrudern, Geestacht, usw.) Die vielen schönen Erinnerungen und Erlebnisse werden vielleicht diese Sportler nach der Ausbildung oder dem Studium wieder beflügeln, sich aktiv dem Vereinsleben zu widmen.

Mit dem Wegfall der gymnasialen Oberstufe am Schulstandort, beruflichen Veränderungen und persönlichen Schicksalsschlägen der engagierten Übungsleiter endete diese schöne Zeit in der Saison 2006/07. Der Verein musste sich neu orientieren und sich den gesellschaftlichen Veränderungen stellen. Für mich und weitere aktive Ruderer hieß es nun, sich den Geschehnissen anzupassen oder nach neuen Herausforderungen zu suchen. Einige sportlich Ambitionierte stellten sich der Herausforderung des Radfahrens, Laufens (Marathon), andere praktizierten ihr individuelles Rudertraining oder zogen sich aus beruflichen bzw. persönlichen Gründen zurück. Als einzige Übungsleiterin ist derzeit Kathrin Lüpke mit der Ausbildung junger Ruderer im Kinderbereich betraut, welches die Aufgabe für sie nicht leichter werden lässt. Ihr möchte ich für den langjährigen Einsatz danken und hoffe, dass sich bald weitere Mitstreiter finden. Ein Bootshaus ohne Kinder und Jugendliche ist in meinen Augen nicht wirklich lebenswert und zukunftsfähig.

In Vorbereitung des 100-jährigen Vereinsjubiläums beschlossen einige Ruderer, sich nach vier Jahren Abstinenz, auf den Regattaplätzen der sportlichen Herausforderung der Langstrecke zu stellen. Sport in der Gemeinschaft bereitet einfach mehr Spaß und vielleicht motivieren wir weitere Sportler, sich den Breitensportvergleichen zu stellen. Das Rudern in Rheinsberg wird somit wieder nach außen getragen und erlangt damit in der Öffentlichkeit neues Ansehen.

Zum Abschluss möchte ich noch erwähnen, dass in meiner kurzen Abhandlung sicherlich zahlreiche Lücken vorhanden sind, etliche Sportler bestimmt unerwähnt blieben und manche Veranstaltungen keine Berücksichtigung fanden. All diese mögen mir verzeihen, aber ich bin mittlerweile auch schon über 50 Jahre und darf vielleicht einiges vergessen oder verdrängen.

Persönlich wünsche ich dem Ruderverein ein gesichertes Bootshaus, zahlreiche aktive Mitglieder, viele schöne Veranstaltungen, sowie viele sportliche Herausforderungen und Höhepunkte. Ein ungezwungenes, offenes und vernünftiges Miteinander kann in meinen Augen den Fortbestand der Ruderer in Rheinsberg unter den neuen demografischen Bedingungen über viele weitere Jahre und Jahrzehnte sichern.

Unseren Booten wünsche ich immer eine handbreit Wasser unterm Kiel und hoffentlich keinen Riemen- oder Dollenbruch!

Jörg Pahl

den Artikel rundterladen




nächster Bericht:
Rolf Ommen Partnerschaft Ruderverein Rheinsberg und Ruderverein Lüdinghausen